Wunder aufs neue?

Ach, was leben wir doch in schönen Zeiten oder nicht?  Es wird wieder heilig gesprochen, dazu  bedarf es natürlich einiger Wunder, und das, was schon heilig ist, bleibt auf jeden Fall wunderbar oder doch eher wunderlich?

„Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube,
das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.“

Ich liebe dieses Zitat aus dem Faust, aus jener Szene, als Faust durch Chorgesang von seinen Selbsttötungsvorbereitungen abgelenkt wird. Natürlich kommt gleich darauf das erste Wunder, Mephisto erscheint und er ist es, der von da an im Drama die Wunder fabriziert.

Vielleicht sollte die katholische Kirche genauer die deutschen Klassiker lesen, bevor sie weiter auf Wunder setzt, um heilig zu sprechen oder Hoffnung macht durch Ausstellung von Reliquien, die ihren „Wert“ (in barer Münze) auch erst durch Erzeugung von Wunder gewinnen.

Naturwissenschaften kennen keine Wunder. Außergewöhnliche, vorläufig unerklärliche Ereignisse sind nicht Verstösse gegen Naturgesetze. Sie sind eher Hinweise auf Lücken in den bisherigen Theorien, die ergänzt bzw. genauer gefasst werden müssen.

Da Naturwissenschaften mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten, bedeutet das ferner, dass auch das unwahrscheinlichste Ereignis, sofern sein Wert nur minimal über Null liegt, morgen schon eintreten kann. Dass wir zwei GAUs bei Atomkraftwerken innerhalb 25 Jahren erlebten, schwerere Störfälle unterhalb der GAU-Stufe noch mehr, zeigt, wie wenig Aussagen wie: sowas kann einmal in 100 000 Jahren passieren, hilfreich sind. Nicht umsonst verzichten Wissenschaftler inzwischen auf derartige Aussagen.

Ähnliche unerklärliche Geschehen vor allem im Bereich von Heilungen (wo bei Krebs etwa von sogenannten Spontanheilungen gesprochen wird) gelten allerdings bis heute als Wunder. Andere Wunder, bzw. Ereignisse, die als solche bezeichnet werden, sind etwa die Rettung aus Notlagen entgegen der Wahrscheinlichkeit, z.B.  wird nach einem Erdbeben nach 10 Tagen noch jemand lebend aufgefunden.

Über eine weitere Wunderkategorie dürfen alle Menschen (zumindest die mit Internetzugang) sogar inzwischen abstimmen. Hier handelt es sich um herausragende kulturelle Schöpfungen oder Naturphänomene, die gemeinhin als Weltwunder bezeichnet werden. Die Antike kannte nur sieben, heute dürfen es schon deutlich mehr sein, immerhin hat sich die Welt, die wir im Blick haben, seit der Antike deutlich vergrößert.

Diese letzte Kategorie spielt aber im Bereich des Religiösen keine Rolle. Dort sind jene unerklärlichen Ereignisse wie Spontanheilungen und Rettungen gefragt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich dabei der Wunderbegriff auf positive Ereignisse eingegrenzt hat. Noch im Mittelalter war der Blitzschlag, der einen bösen Menschen traf, auch ein Wunder. Heute wird nur noch das Positive als solches gezählt.

Korrekt besehen kennen Hochreligionen wie Buddhismus oder die monotheistischen Religionen keine Wunder als Zeichen des Heiligen mehr, denn ihr Glaube an Gott (in den monotheistischen Religionen) muss unabhängig sein von irgendwelchen Zeichen ihres Gottes.

Aber die wenigsten Gläubigen leben nach solch strengen Lehren. In den meisten Religionen verankern Menschen im Alltag ihren Glauben noch gerne über Wunder und werden dafür getadelt. Nicht alle Religionen sind da so „offen“ für den gewöhnlichen Gläubigen wie der Katholizismus, der sich explizit mit Wundern beschäftigt. Er braucht sie ja auch als Anlass zur Selig- und Heiligsprechung, denn diese sind ohne nachgewiesene Wunder nicht vorzunehmen. Die Bedingungen für das, was als Wunder durchgeht, sind streng, allerdings widersprüchlich.

Die Faszination durch Wunder heute
Wir wissen heute mehr über die Welt als früher, die Vorstellungen der Wissenschaften sind überallhin vorgedrungen, wissenschaftliches Denken und Arbeiten werden inzwischen sogar im Kindergarten gefördert. Und doch ziehen Blutwunder (die angebliche Verwandlung von festem getrockneten Blut ins flüssiges) bis heute die Massen an, wurden vor nicht wenigen Jahren Tausende Liter Wasser aus einer angeblichen Wunderquelle abgezapft, bis diese geschlossen wurde. Das geschah in Deutschland, nicht in einem Land der Dritten Welt, in dem Analphabetismus und mangelnder Bildungszugang vieler solches Handeln eher erwarten ließe.

Ist es der Rest des Unerklärlichen, das Menschen an sogenannten Wundern fasziniert oder die Hoffnung, ihnen könne im vergleichbaren Falle auch so ein Wunder zustoßen? Oder brauchen sie Wunder als Abwehr allzu sachlicher Erklärungen, als Zeichen eines „Behütetseins“ in der Welt? Wahrscheinlich suchen Menschen da von allem etwas.

Zu beobachten ist, dass es vor allem Krisensituationen sind, in denen Menschen auf Wunder hoffen. Schwere Erkrankungen, Tod nahestehender Personen, Zerbrechen von Familien, Arbeitslosigkeit, bedrohliche Naturereignisse, die Hab und Gut  und Angehörige nehmen, in solchen Zeiten blühen die Wunder und die Suche nach ihnen.

Es tröstet, dass wenigstens ein Mensch bei einem schweren Erdbeben gerettet werden kann. Aber was ist mit all den anderen, für die Hilfe zu spät kam? Wurden sie nicht „behütet“ oder hatten sie was angestellt? Oder bei einem Bergwerksunglück in Chile wurden alle verschütteten Bergleute gerettet, auch ohne Hinweis, ob die einen gut lebten, die anderen schlechte Menschen waren, und da war es die menschliche Ingenieurskunst und der Durchhaltewillen der Verschütteten, die sie wieder ans Tageslicht brachten. Ein Wunder? Nicht nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit.

Nun werden bei der neuen Ausstellung des Heiligen Rockes in Trier keine Wunder versprochen oder gar erwartet, aber so heißt es in der Ankündigung , man glaube darauf dass auch heute Jesus „erlösend und heilend am Werk“ sei. Die Einheit der Christenheit ist dabei das Ziel laut Kirchenoberen, aber was ist mit den einzelnen Personen, die sich auf den Weg machen aus allen möglichen schwierigen Situationen heraus?

Ich erinnere mich nach einer freireligiösen Radioansprache erhielt ich einen Anruf. Genau erinnern an das Thema kann ich mich nicht mehr, da ich die Aufnahme immer ein paar Tage zuvor abliefern muss, aber der Anruf prägte sich mir ein. Ein Mann rief an, der nach seinem Bericht plötzlich blind und gelähmt wurde, ohne Hoffnung durch die Ärzte auf eine Heilung, und der selbst weiter an einer möglichen Genesung festhielt, alle Wallfahrten mitmachte und auf ein Wunder hoffte, seine Umgebung mit ihm. ER bedauerte mich, da ich mich in der Senund als Nicht-theistin und Humanistin bezeichnete hatte, wie ich denn ohne einen solchen Glauben überhaupt leben können. Im Gespräch wurde mir deutlich, dass er auch aus seiner grausamen Situation mehr machen könnte als er tat, aber dass ihn die Wunderhoffnungen dort festhielten und ihm nicht aus seiner Grundverzweiflung heraus halfen. Mein Verzicht, in einem Gottesglauben Zuflucht zu suchen, hatte ihn erschüttert.

Ähnliche Gespräch gibt es immer wieder, und jedes Mal ist zu spüren, dass dahinter eine Verweigerung liegt, die gemachte Erfahrung von Krankheit, Leiden, Verlust und Tod anzunehmen und sich darauf einzustellen, sondern dass nur die Wiederherstellung der alten Situation interessiert. Diese Verweigerung hat individuelle und soziale Ursachen.

Wenn einzelne auf Wunder hoffen
hängt das mit auch mit ihren eigenen Unsicherheiten zusammen, mit einem negativen Selbstbild, und diese sind viel schwerer zu ändern als eine positive Sicht der eigenen Person. Das hört sich verrückt an, weil man doch meint, Minderwertigkeitsgefühle udn Angst wären doch alle gerne los, aber Menschen mit negativem Selbstbild akzeptieren auch negative Erfahrungen viel leichter als positve, denn die passen zu ihnen. Es fällt schwer, an grundlegenden Selbstbildern etwas zu ändern. Wer dazu noch gelernt hat, dass Hilfe vor allem von außen kommt und nicht von einem selbst, ist für Wunder deutlich anfällig.

Das Wunder und die religiöse Sozialisation
Wer gelernt hat, dass Erlösung von außen kommt, wie Religionen mit einem transzendentalen Gottesbild lehren, braucht Wunder mehr als Menschen, die von sich erwarten, wenigstens ein bisschen an einer Situation selbst etwas ändern zu können, oder die sich sagen, wie viele ältere freireligiöse Mitglieder dies tun: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“.

Aber warum jetzt noch Wunder erwarten?
Nun ist die religiöse Sozialisation bei weitem nicht mehr so stark wie noch vor wenigen Generationen, aber die Begeisterung  für Wunder ist geblieben. Warum? An der grundlegenden Situation der Menschen hat sich nichts geändert. Sie werden krank, sterben, verlieren Angehörige durch Tod, erleben Konflikte und Trennungen, verlieren Arbeit werden von Naturereignissen um ihren Besitz gebracht wie eh und je. Sie hören große Worte von wissenschaftlichen Fortschritten, erfahren aber ihr Ausgeliefertsein vielleicht vor diesem Hintergrund noch schärfer, auch durch die menschlichen Fehler, die im Umgang mit der Natur gemacht werden.

Sie verinnerlichen den gesellschaftlichen Mythos, dass jeder seines Glückes Schmied sei, beobachten auch manches entsprechende Beispiel, erleben aber für sich selbst viel öfter, dass sie an Grenzen stossen, eigenen wie von anderen gesetzte.

Um sie herum wird von großen Bedrohungen gesprochen: Umweltkatastrophe, Finanzkrise, Bevölkerungsexplosion und viel fragen, was das eigene Handeln denn angesichts der Größe der Probleme überhaupt bewirken könne.

Die persönliche Sicherheit des einzelnen ist erheblich gewachsen. Umso unerträglicher sind die verbleibenden Sicherheitsrisiken. Da diese teilweise nie zu beseitigen sind, bleibt nur die Aussicht auf Wunder.

Je unverständlicher die Welt wird in der rationalen Erklärung, umso bereitwilliger öffnen sich viel der Irrationalität.

Je größer die Versprechen der Gesellschaft werden auf Glück, und je größer die Anstrengungen des einzelnen dabei werden müssen, um mitzuhalten, umso mehr entlastet die Aussicht auf Wunder.

Außerdem schafft Wunderglaube Gemeinschaft. Sich zu Hunderten, Tausenden einzufinden, um auf eine Marienerscheinung zu warten,  Quellwasser abzuzapfen, macht deutlich, dass man nicht allein ist. Es erhebt, Teil einer gleichgesinnten Menge zu sein. Oft erlebte häusliche Einsamkeit und Verzweiflung werden durchbrochen, Ichgrenzen im Bad der Menschen schwächer, Empfindungen stärker, sonst nicht zu erfahrende Gefühle von Entzückung und Begeisterung können erlebt und dürfen ausgedrückt werden. In einer Gesellschaft, in der so vieles nur Erlebnisse aus zweiter Hand darstellen, stellen Wunder scheinbar harmlose Möglichkeiten zu intensivem Gefühlserleben dar.

Harmlos?
Sie können bei Ebay Toasts mit Wunderabbildungen von Jesus oder Maria ersteigern, Sie können sich von Pastoren Wundermittel kaufen zur Stärkung der Gesundheit. Sie können viel Geld für leere Versprechen ausgeben. Sie können die Augen vor dem Restrisiko unseres Lebens, dem Tod schließen und sich einfrieren lassen, in der Hoffnung, dass jemand das Wunder der Auferstehung an Ihnen nachvollzieht.

Es belastet zuerst einmal Ihren Geldbeutel, aber belasten solche vergeblichen Hoffnungen nicht auch Ihr Leben? Verschließt man nicht auch die Augen vor den Möglichkeiten, die noch gegeben sind, und was nutzt die Suche nach einer Heilung anderswo, wenn zu Hause doch wieder nur die Einsamkeit wartet? Auch da gibt es vielleicht mehr Menschen, mit denen man gemeinsam etwas tun kann als gedacht.  Vor Ort sind die Lebensmöglichkeiten, die Wunder täuschen nur vor, es hätte sich etwas geändert, wenn alle sdoch gleich geblieben ist. Ist Ihnen nicht Ihre Kraft für solche „Hoffnungen“ zu schade?

Und zum Staunen und Wundern gibt es genügend Gelegenheiten, wenn Sie einfach mal nach draußen gehen, Kindern zusehen, ein Blatt beobachten, wie es in der Sonne leuchtet, oder beim Regen glänzt.

Renate Bauer
Freireligiöse Landesgemeinde Pfalz K.d.ö.R.

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