Von der Macht des Aberglaubens

Im Jahr 2007 fand im Frankfurter Dom eine eigentümliche Prozession statt, bei der eine Reliquie im Kircheninnern herumgetragen wurde. Wegen des Museumsuferfestes musste man sich darauf beschränken und auf eine Prozession durch die Gassen verzichten. Es handelt sich dabei um die Neuauflage einer Wallfahrt, die der Schädeldecke des Apostels Bartholomäus gilt. Obwohl man nicht weiß, wie viele es davon gibt, hat sich die katholische Kirche entschlossen, ein Patronatsfest des Apostels für die Frankfurter Domgemeinde einzurichten und so zu tun, als hätte es schon immer eine Wallfahrt mit Prozession gegeben. Seit der Reformation hätte die Freie Reichsstadt eine solche kategorisch untersagt und noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg war davon keine Rede.

Das besagte Frankfurter Ereignis – oder sollte man nicht besser von Event sprechen? – kann nicht isoliert betrachtet werden. Schon beim sogenannten Weltjugendtreffen in Köln hat Papst Benedikt XVI. die Verehrungswürdigkeit der Gebeine der heiligen drei Könige betont und Köln nach Rom, Jerusalem und Santiago de Compostela als vierten bedeutendsten Wallfahrtsort hervorgehoben. Man könnte sich mit Recht die Frage stellen, ob die katholische Kirche zum vorreformatorischen Reliquienverständnis und seinem Kult zurückkehrt. Oder hat sie dieses nie verlassen?

Wallfahrtsorte vermitteln stets den gleichen Eindruck: Aus verschlafenen, entlegenen und völlig unbedeutsamen Orten wurden modernste „Dienstleistungszentren“. Beispielhaft ist das bosnische Medugorje. Diesen seit 1981 bestehenden Wallfahrtsort haben bis heute etwa fünfzehn Millionen Pilger besucht. Was war geschehen? 1981 erschien sechs Jugendlichen auf einem Berg die Muttergottes und seitdem täglich. Der Andrang, der sofort einsetzenden Massenwallfahrt war so groß, dass schon ein Jahr später die Erscheinungen Mariens – wie es tatsächlich im amtlich-kirchlichen Führer steht – in die im Tal gelegene Kirche „verlegt“ wurden. Was für eine Verlegenheit! Man kann also eine göttliche Vision aus praktischen oder geschäftlichen(?) Gründen einfach verlegen! Das kann man nicht kommentieren. Auf jeden Fall staunt man, wenn man durch das noch vom letzten Krieg gezeichnete Bosnien fährt und in den Landkreis kommt, in dem Medugorje liegt, wie modern und hoch entwickelt die gesamte Infrastruktur dieser Gegend ist. So mancher westdeutsche Landkreis und so manche Kleinstadt würde vor Neid erblassen.

Das Geschäft mit dem Pilgerwesen ist unübersehbar. Mir fallen dabei unwillkürlich zwei Beispiele aus längst vergangener Zeit ein: Stellen Sie sich ein völlig verschlafenes und armseliges Bergdorf Burgunds im hohen Mittelalter vor. Arm war man in der Tat, aber vielleicht doch nicht so verschlafen, denn man fand zufällig die Gebeine der heiligen Maria Magdalena, und da der Ort ebenso zufällig an einem der Jakobswege nach Santiago de Compostela lag, war das Geschäft perfekt: Das Pilgergeld floss in Strömen. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten konnte eine der schönsten romanischen Kathedralen errichtet werden, die von Vézelay. Es erwies sich für diesen Wallfahrtsort als nicht hinderlich, dass in Aix en Provence eine Zweitausgabe der Gebeine der Maria Magdalena verehrt wurde. Der damalige Papst, vor dieses Dilemma gestellt, bemerkte lakonisch, die wahren Gebeine würden sich durch ihre Wundertätigkeit erweisen – und das taten sie beide!

Das zweite Beispiel aus dem hohen Mittelalter führt uns in die nordfranzösische Provinz. Stellen Sie sich wiederum eine arme, unbedeutende Diözese mit einem genau so schäbigen Bischofssitz vor. Man hatte auf einmal zufällig – erworben, gekauft, gefunden, niemand weiß es mehr – das Hemd, das Maria trug, als das Christuskind zur Welt kam. Das war eine tolle Sache. Das Pilgergeld sprudelte auch hier so stark, dass in wenigen Jahrzehnten die vielleicht bedeutendste französische Kathedrale gebaut werden konnte: die von Chartres.

Die Welt der Reliquien ist eine ganz seltsame. Es scheint ein menschliches Bedürfnis zu geben, das Göttliche in Gegenständen erblicken zu wollen, um Heil und Erlösung von allen Schwernissen zu erhalten. Das wäre als solches nicht zu verurteilen, wenn nicht Betrug und Geschäftemacherei dahinter stünden und ein eindeutiges Bestreben, jene gutgläubigen und bedürftigen Menschen in einer gewissen Dummheit zu halten. Der Gang in die Welt der Reliquien ist nicht einer allein in das Mittelalter, sondern er erstreckt sich bis in unsere Tage. Er fand seine Grundlage in der Spätantike, als sich das Christentum schriftlich und organisatorisch zur Kirche ausbildete. Zu jener Zeit, also 4. bis 5. Jahrhundert, entstanden auch zwei mehr als fragwürdige Schriften: die Apostelgeschichte und die Kirchengeschichte des Eusebius.

Gerade in letzterer wird das sogenannte frühchristliche Märtyrertum, über weite Strecken frei erfunden, zum festen Glaubensinhalt der sich ausbildenden neuen Kirche. Die Völkerwanderung und die arabische Expansion machte in Europa vieles davon zunichte, so dass sich die Karolinger, insbesondere Karl der Große, zu einer spezifischen Aufgabe gedrängt sahen: den Wiederaufbau der christlichen Kirche. Daran gingen sie mit Energie, zum einen, um ihre Macht zu legitimieren und zu sichern, und zum anderen, um über eine vorgeschobene Missionierung sich neue Territorien und Gebiete anzueignen. Neben beachtlichen organisatorischen Leistungen und bedeutenden bildungsmäßigen Einrichtungen kam es zum ersten Großeinsatz von Reliquien, die gleichsam die Frömmigkeit, ja, die Heiligkeit des Herrschaftssystems untermauern sollten.

So stattete Karl der Große seine Pfalzkapelle zu Aachen, der Maria geweiht, mit besonderen Reliquien aus: dem Umstandskleid Mariens, den Windeln Jesu, dem Lendentuch Jesu und dem Tuch, auf dem der Kopf Johannes des Täufers lag. Natürlich durften auch das Blut Jesu, Teile des Kreuzes und die Kreuzesnägel nicht fehlen. Eine beachtliche Reliquiensammlung ist damals zusammengetragen worden. Der Ort der fränkischen Königskrönung wurde zugleich zu einem heiligen Ort. Dazu trat ein seltsamer Umstand ein, die Reliquien verschwanden, ob sie versteckt wurden oder zu Grunde gingen, ist nicht zu sagen, auf jeden Fall wusste kein Mensch mehr von ihnen, bis sie ganz plötzlich wieder entdeckt wurden.

Ähnliches wird auch vom Heiligen Rock zu Trier berichtet. Dies ist in jedem offiziellen Führer nachzulesen. So soll die für Vieles strapazierte Heilige Helena, die Mutter Konstantins des Großen, zur Reliquiensuche nach Palästina gereist sein und nach einigem Suchen das Kreuz Jesu, den heiligen Rock, um den die Schächer gewürfelt haben und noch vieles andere mehr gefunden haben. Letztlich verschwand alles, um Jahrhunderte später auf einmal wieder aufzutauchen. Der Heilige Rock zu Trier wurde 1196 wieder entdeckt und ausgestellt, wenige Jahre später war er nicht mehr auffindbar. Aber 1512 wurde er auf Wunsch Kaiser Maximilians I. wieder aufgefunden und ausgestellt u.s.w.

Entweder war das Ganze so wichtig und bedeutsam, dann wäre es in den Geschichtsaufzeichnungen der Stifte und Klöster bewahrt geblieben, oder es war der Willkür eines Bedarfs ausgeliefert, der, je nach Interessenlage, die heiligen Objekte benötigte oder sie wieder in den Kellern verschwinden ließ. Gesichert ist eines: All die frommen Erzählungen über die Heiligen und die Märtyrer, unter anderem auch die Geschichten um die Heilige Helena, entstammten der Feder Jacobus a Voragine, Erzbischof und kirchenlateinischer Schriftsteller aus Genua. Sie gingen unter dem Titel der „Legenda aurea“ nicht nur in die Geschichte ein, sondern sie wurden als bare Münze aufgefasst und immer wieder in die Geschichte eingetragen.

Das Zeitalter, in dem die „Legenda aurea“ verfasst wurde, war das der Kreuzzüge. Auf diesen wurde das eigentliche Reservoir der Reliquien gefunden. Man hat ausgerechnet, dass man allein von den Splittern des Kreuzes Jesu ein Kriegsschiff hätte bauen können, und dass die Nägel vom Kreuz viele Zentner wogen. Den Kreuzfahrern wurde im Vorderen Orient alles angeboten, und sei es noch so obskur, was irgendwie im Scheine der Heiligkeit stand. Eine kleine Auswahl: der Gürtel Jesu, der Gürtel Mariens, die Haare Mariens und die von Johannes dem Täufer – alle vier Objekte sind Teil des Aachener Domschatzes; aber auch Entlegenes oder Geschmackloses, wie das Heu aus der Krippe Jesu, das heilige Heu wird noch heute im Niederösterreichischen Gaming verehrt, oder die Brosamen vom letzten Abendmahl, auch in Gaming zu bestaunen und als besonderer Clou wird die Muttermilch Mariens, die sacro latte, in Montevaschi (Toskana) und in Orviedo (Spanien) verehrt. Vor allem aber wurde der Bedarf an heiligen Gebeinen oder Gebeinteilen im 12. und 13. Jahrhundert zu einem wahren Wirtschaftszweig. Jedes Stift, jedes Kloster, aber auch jede einzurichtende Wallfahrtsstätte benötigte Reliquien, um Ansehen und Einkünfte zu halten, zu steigern oder neu zu erschließen.

Ich stehe immer etwas fassungslos vor der Frage, warum die Kirche nicht das Handelsmonopol für die Reliquien inne hatte, sondern die Angebote dem freien Handel überließ. Hatte es vielleicht ähnliche Gründe wie das Anheuern einer bestimmten Gilde von Schaustellern, die, als Krüppel getarnt, spontane Heilungen vor ausgestellten Reliquien spielten und dann sofort verschwanden? Es fällt uns heute ungemein schwer, das Mittelalter und seine Nachwirkungen in die Neuzeit hinein zu verstehen. Es ist vor allem die seltsame Gläubigkeit, die zwischen weltlichen und sakralen Bezügen so zerrissen erscheint und ein schon immer vorhandenes Aufklärungs- und Reformbestreben, das in die Abgründe eines unvorstellbaren Aberglaubens zu fallen drohte, die unsere Begrifflichkeit jener Zeitläufe so unzulänglich machen.

Gläubigkeit hin, Aufklärung her, der Betrug mit den Reliquien war offensichtlich und das Geschäft mit dem Aberglauben unübersehbar. „Von neunzehn überprüften Heiligen existierten in Kirchen und Kapellen 121 Köpfe, 136 Leiber und eine Fülle anderer Glieder. Der heilige Erzmärtyrer Stephanus besaß einmal dreizehn Arme, der Apostel Philippus ein Dutzend, der heilige Vinzenz zehn, der Apostel Andreas 17. Die heilige Agatha soll ähnlich aufgeteilt sein: Ihre Brüste, angeblich um 251 n.Chr. schwer gefoltert, sind noch in Catania, Rom, Paris, Capua als Reliquien vorhanden.“ (Horst Hermann, „Lexikon der kuriosesten Reliquien“, Berlin 2003, S. 140).

Was diese Seltsamkeiten nicht in der Lächerlichkeit oder der reinen Geschmacklosigkeit belässt, war der Gewinn, den man aus ihnen zog. Mittels des Ablasses ließen sich Unsummen von Einkünften erreichen. Was war denn der Ablass? Ausgehend von der Vorstellung, dass der Mensch nach seinem Tode in den seltensten Fällen gleich in den Himmel oder die Hölle kam, und dass fast alle erst in das Fegefeuer mussten, bot sich die Überlegung an, durch die Fürsprache der Heiligen, die ja in den Reliquien präsent waren, jenen möglichen Aufenthalt im Fegefeuer zu verkürzen. Um das für die Gläubigen abzusichern, war eine Bezahlung von Nöten. Damit war die Handelsgrundlage gegeben: Geld für den Ablass, das hilft dem Nachlass der Sünden zur Verkürzung des Fegefeueraufenthalts. Diese Praxis schuf die Grundlage für ein Finanzierungssystem, mit dem sich vielerlei erreichen ließ. Der gesamte Kirchenbau des Mittelalters wurde damit zu einem guten Teil erst ermöglicht, aber auch viele andere kirchliche und vor allem päpstliche Unternehmungen wurden davon getragen. Auch weltliche Fürsten griffen gerne auf die Ablasspraxis zurück, um ihren zweit- oder drittgeborenen Kindern eine standesgemäße kirchliche Stellung zu ermöglichen.

Das eintrainierte Sündenbewusstsein der Menschen und ihre Sehnsucht nach Erlösung trieb Unmengen Geld in die Ablasskassen. Seltsamerweise war es nicht nur die systematische Verblödung des Volkes, wie man heute etwas unscharf sagen würde, die das ermöglichte, sondern es waren auch gebildete Menschen, die dem Reliquienkult anhingen. Zwei Beispiele aus der späten Zeit des Mittelalters können dies verdeutlichen. Zunächst war es Friedrich der Weise (1463-1525), Kurfürst von Sachsen, Schutzherr Martin Luthers, hoch gebildeter Humanist und unbeirrbarer Katholik, der eine der größten Reliquiensammlungen überhaupt anlegte, und zwar für die Reliquienkapelle zu Wittenberg. Dies geschah zur gleichen Zeit, als sein Schützling Luther auf das Heftigste gegen jede Reliquienverehrung wütete.

„Der Geheimsekretär des Kurfürsten, Georg Burckhardt aus Spalt bei Nürnberg, verständnisvoller Anwalt Luthers am kursächsischen Hof, verschaffte seinem Fürsten die seltsamsten Reliquien für die Allerheiligenkapelle und führte Buch über das Anwachsen der Sammlung: Von 5262 Stücken im Jahr 1513 steigerte sich die Sammlung auf 17443 im Jahr 1518 und erreichte ihren Höhepunkt 1520 mit 18970 Teilen. Die auf diesen liegenden Ablässe betrugen insgesamt 1.902.202 Jahre und 270 Tage.“ (o.a. Lexikon, S. 176) Wie kann ein Mann, ohne den Martin Luther nie seine Reformation hätte durchziehen können, zur gleichen Zeit einen solchen Reliquienkult betreiben, der gerade der Hauptauslöser für das Reformations¬bestreben war?

Einen anderen Fall hatten wir bei einer Fahrt des Kunstkreises nach Aschaffenburg in der Ausstellung „Cranach im Exil“ kennen gelernt: Albrecht von Brandenburg, 1490-1545, Kurfürst und Erzbischof von Mainz, Erzbischof von Magdeburg, Bischof von Halberstadt, Kardinal – alles Positionen, die zusammen genommen und in Anbetracht des jugendlichen Alters des Fürsten teuerste Dispense von Nöten machten – und dadurch Feindbild Martin Luthers geworden, hatte in Halle an der Saale eine Bettelordenkirche zu einem Heiltum umgewidmet. Es waren nicht nur Dutzende von Altären, teilweise von Grünewald und vor allem von Lukas Cranach geschaffen, sondern es war die Anzahl von Reliquien, die die unglaubliche Zahl von Ablässen einbrachten, die sich auf 39 Millionen Jahre erstreckten.

Der Aberglaube scheint keinen Boden zu haben und keine Grenzen zu besitzen. Dies gilt besonders für die Vorhaut Jesu, das praeputium, Lukas 2,21 berichtet von der Beschneidung des Knäbleins. Mittelalterliche Theologen haben sich tatsächlich mit der Frage beschäftigt, ob Christus mit oder ohne Vorhaut in den Himmel aufgefahren sei. Grund genug, nach einer solchen Reliquie zu suchen, man wurde fündig, und das dreizehn Mal. Zur Ehrenrettung muss gesagt werden, dass der Vatikan 1900 die Verehrung der Vorhäute verboten hat; in Aachen, das eine solche besitzt, war man darüber bestimmt traurig.

Sollen noch die unzähligen heiligen Blutreliquien, Hostienwunder und dergleichen angeführt werden? Ich möchte den Ausflug in die Welt des Aberglaubens mit der Erwähnung einiger besonderer Ausstellungsgüter der Halleschen bzw. Wittenbergischen Reliquiensammlungen beenden: das Fett des heiligen Laurentius, das bei der Bratfolter vom Rost getropft sein soll, das Wachs von der Sterbekerze Mariens, die ägyptische Finsternis in Flaschen, der Atem Jesu, der Kot der Palmeselin, auf der Jesus nach Jerusalem geritten ist, und zum Schluss: Eier und Federn des Heiligen Geistes. Die letztgenannten Reliquien aus der Halleschen Sammlung befinden sich nunmehr in Mainz. – Ich glaube nicht, dass man sie zu sehen bekommt.

Dr. Manuel Tögel (2007)
Unitarische Freie Religionsgemeinde K.d.ö.R., Frankfurt am Main (gegr. 1845)

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Peter Ostermann November 1, 2013 um 09:05

Um es ganz kurz zu machen: Ein guter Artikel. Der christliche Glaube (eine Religion wie alle anderen, den der homo religiosus ersehnt) ist selbst ein Aberglaube. Vgl. auch meinen Roman “Das Lächeln der Bäckerin”.

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