Ritual oder Neurose: Jeder Tag eine Wallfahrt?

Welche Rituale finden in Ihrem Leben Platz?
Worum machen Sie einen Kult?
Oder wollen Sie lieber erst wissen, was ich unter Ritual verstehe?

Ritual: was ist das?
Ein Ritual ist: sich jeden Morgen die Zähne zu putzen. Am Abend ohne den Fernseher nicht einschlafen zu können.  Eine freie Trauung zu suchen und nicht nur auf dem Standesamt zu heiraten. Am Todestag eines Verstorbenen vor seinem Bild zu Hause eine Kerze zu entzünden. Der Ehefrau Blumen am Geburtstag zu schenken.

Wallfahrten sind ebenfalls Rituale, in manchen Religionen sind sie religiöse Pflicht, in anderen mehr eine zusätzliche Kür, aber nichtsdestotrotz ein Ritual.

Viele  stellen sich unter Ritual nur eine religiöse Handlung vor, doch auch viele andere menschliche Handlungen außerhalb der Religion werden als Rituale bezeichnet. In der Ethologie (biologische Verhaltenskunde) ist der Begriff ebenfalls eingebürgert zur Beschreibung bestimmter Formen tierischen Handelns. Dort wird z.B. vom Balzritual gesprochen.

Auch unser Alltag ist von solchen Formen durchzogen, wie die Beispiele oben deutlich machen. Kinder verfügen über Einschlafrituale, wie alle Eltern wissen, und niemand würde diese Handlungsform nur als Gewohnheit bezeichnen.  Gegen diese reine Gewohnheit grenzen wir nämlich Rituale gerne ab. Sie sollen etwas besonderes sein und eben nicht nur Gewohnheit.  Es ist auch ein Unterschied zwischen beiden festzustellen, wo aber die einzelnen Menschen solche Unterschiede machen, ist individuell sehr verschieden.

Boesch definiert Ritual kurz:
„Rituale stellen Ordnungen des gemeinsamen (oder individuellen) Handelns dar; dadurch erhalten sie nun wiederum eine ihnen eigene Symbolqualität: sie repräsentieren Regelhaftigkeit.“ (1980, S. 226)

Ritual oder Gewohnheit?
Im Unterschied zur Gewohnheit gewinnt das Ritual eine eigene Symbolkraft. Es weist über sich hinaus, bedeutet dem Menschen mehr als nur diese Handlung selbst.  Und es ist da nicht wichtig, ob es täglich vollzogen wird, oder einmal im Leben, oder allein oder mit vielen. Wichtig ist seine zusätzliche Bedeutung. Das macht den Unterschied zwischen Zähneputzen und Einschlafordnung eines Kindes aus. Die Zähne putzt man, damit diese sauber sind, das Kind begibt sich in die ihm etwas unheimliche Schlafzeit hinein mit dem Wissen, durch das Lied der Eltern, die Vorlesegeschichte, den Gute-Nacht-Kuss und das unabkömmliche Spezialkissen  gesichert zu sein,  weiter in der täglichen Ordnung zu leben, auch wenn es davon nichts mitbekommt. Der Unterschied zwischen einer rein standesamtlichen Trauung und einer zusätzlichen religiösen oder humanistischen Feier liegt darin, dass letztere eine mitgestaltete Einordnung in den Familien- und Freundeskreis in der neuen Funktion als Paar darstellt.

Rituale gewinnen durch diese zusätzliche Symbolkraft einen feierlichen Charakter, sie heben sich heraus aus dem Alltag und man fühlt sich herausgehoben.  Ihr Auslassen oder eine Veränderung verunsichert und sind schwer zu ertragen. Klar zu beobachten ist dies bei Kindern, aber jede Person kann das auch an sich selbst erkennen etwa bei den täglichen Begrüßungsritualen, wenn  wir jemandem die Hand schütteln wollen wie üblich und dieser die ausgestreckte Hand nicht ergreift. Denn auch das ist ein Ritual, das zu unserer Kultur gehört und etwas symbolisiert, nämlich Freundlichkeit und Beschwichtigung, da die offene Hand anzeigt, dass man keine Waffe in ihr verborgen hält.

Ritual: biologisch gesehen
In der Tierwelt  erleichtern Rituale das Miteinander, indem sie es eindeutig gestalten. Die Imponiergesten im Balzritual oder zu Beginn eines Kampfes werden von den anderen Tieren gleich richtig gedeutet. Das Gegenüber stellt seine Kraft dar, man kann von vorneherein abschätzen, ob sich es lohnt, auf das Balzen einzugehen oder ob man eine Chance beim Kampf hat. Sie sind damit energiesparend und auslesefördernd.

Gerne werden solche Erklärungsmuster aus dem Tierreich auch auf den Menschen übertragen. So offensichtlich menschliche Rituale eine biologische Wurzel haben im Sinne einer Neigung zu ihnen, so sehr sind die entwickelten menschlichen Rituale kulturell geformt und damit sehr verschieden. Und menschliche Gesellschaften unterscheiden sich stark in dem Ausmass der in ihnen auftretenden Ritualisierung.

Ritual: soziologisch gesehen
Soziologen sind Ritualen gegenüber eher skeptisch eingestellt.  Das Wörterbuch der Soziologie  bezeichnet sie als „blind“, da sie als traditionalistische Verhaltensmuster unreflektiert ausgeführt werden. Die Bedeutung der Rituale etwa für den Gruppenzusammenhalt wird mehr im Bereich der Religionswissenschaften untersucht und erkannt, und es ist zu fragen, inwieweit man durch Analogieschluss das auf andere gesellschaftliche Rituale übertragen kann. Offen bleibt aber auch die Bedeutung des Rituals für die einzelne Person.

Ritual: psychologisch gesehen
Die Psychoanalyse setzt Rituale mit Zwangshandlungen gleich, sie dienen beide der Abwehr von Angst und aggressiven Impulsen. Rituale dienen der Auflösung innerseelischer Konflikte, was ihnen aber nur bedingt gelingt und daher ihren Wiederholungszwang bewirkt.

Dieser abwertenden Betrachtung von Ritualen stehen Ansichten der Entwicklungs- und Kulturpsychologie entgegen. Dort werden die positiven Aspekte von Ritualen betont, da durch sie in symbolischer Form eine Kontrolle über bedrohliche unsichere Teile des Lebens ermöglicht wird.

Boesch (1980, S. 227):
„Demnach stellt das Verfügen über Rituale, die Fähigkeit, sie durchzuführen, zugleich die Macht dar, Ordnungen zu bewahren, wiederherzustellen, und das Teilnehmen and Ritualen bedeutet nicht nur Unterwerfung, sondern auch Einfügung und Geborgenheit. Allerdings: an sich  bedeutet das Ritual nichts von alledem; seine Bedeutung wird immer erst vom partizipierenden Individuum konstituiert.“

Im Ritual bestätigen sich die Individuen, zur Gemeinschaft zu gehören und teilzuhaben, gleichzeitig fühlen sie sich in (realer oder vorgestellter) Kontrolle durch diese Teilhabe. Rituale sind dabei offen, das heißt in ihrer symbolischen Deutung  nicht absolut festgelegt. Teilnehmer können so ein Ritual ganz unterschiedlich interpretieren, sich auf diese Weise zugehörig und gleichzeitig in ihrer individuellen Anschauung bestätigt fühlen.

Ritual: religionswissenschaftlich gesehen
Im Religiösen wird vor allem der ordnungsstiftende Charakter von Ritualen hervorgehoben. Ob diese Ordnung eine real vorliegende gesellschaftliche ist, oder eine ins transzendente verlegte, ist dabei irrelevant. Sogar in scheinbar gegen diese Ordnung verstoßenden Ritualen wie z.B. im Karneval wird die Ordnung nur scheinbar umgekehrt, aber durch die strenge Begrenzung in Zeit und Ort bekräftigen sie die bestehende Ordnung eher als dass sie sie bedrohen.

Bedroht werden Rituale in ihrem ordnungsstiftenden Charakter dann, wenn sie gleichgültig werden, die Teilnahme an ihnen eindeutig Zwangscharakter annimmt und Teilnehmer sie als sinnlos empfinden.

Ritual der Wallfahrt
Pilgerfahrten sind modern, sie sind auch eine gute Einnahmequelle für die einzelnen, die darüber Bücher schreiben, für Städte und Gegenden, die über die Anlegung von Pilgerwegen  den Tourismus bei sich anzukurbeln hoffen.

Aber Pilgern tun Menschen oft allein oder eher in kleinen Gruppen. Zwar spricht man auch im Zusammenhang von Wallfahrten vom Pilgern, aber eine Wallfahrt selbst gehört aufgrund von Größe und Bedeutung in eine ganz andere Kategorie.

Anders als tägliche und individuelle Rituale ist sie gebunden an das Verlassen des Heimatortes und an die Zahl der Beteiligten.  Sie lebt aus der Größe und der Gemeinschaft, aus der Norm des von allen gleich und möglichst gemeinsam Geübten.

Und ihre Ziele sind klarer umrissen als beim individuellen Pilgern. Das Aufsuchen einer zentralen Kultstätte gilt als Akt besonderer Hingabe, man wallfahrtet zum Einlösen von Gelübden, oder auf der Suche nach Heilung von Krankheit.
Und die Teilnahme an der Wallfahrt wird irgendwie dokumentiert, durch Gaben an die Heiligtümer, durch Mitnehmen bestimmter „Andenken“ oder durch die Möglichkeit, einen besonderen Titel zu tragen.

Kritik der Wallfahrt
gab es schon in allen Religionen und außerhalb von ihnen, bestimmte Religionsformen, wie mystische Religionen lehnen sie ganz ab, andere betrachten sie als minderwertig.

Gesellschaftliche Kritik an Wallfahrten aber erhob sich vor allem mit der Distanzierung der Gesellschaft von einer einzigen Religion, mit der Öffnung zur Religionsfreiheit.

Kritisiert an Wallfahrten werden das Ziel, die Form, die Symbolkraft des Geschehens.

Ziel:
Die Hervorhebung bestimmter Orte und auch bestimmter Objekte an diesem Ort als heilig  macht alles andere unheilig,  und macht magisches Denken praktisch unentrinnbar. Man sucht Hilfe außerhalb naturgesetzlicher Möglichkeiten, braucht dazu das Wunder, das solche Möglichkeiten durchbricht. Nicht die eigenen Anteile an Heilung und Wohlergehen werden erkannt, sondern alle Kraft wird von außen erwartet.

Form:
Die Menge der Wallfahrer führt zur Entgrenzung des Individuums, das auf die schiere Menge der Teilnehmenden meist nach anfänglicher Angstreaktion mit Regression und Auflösung der Ichgrenzen reagiert. Das „Bad“ in der Menge erlaubt eine Teilhabe, die gleichzeitig eine Aufhebung der Ichfähigkeit zur Realitätswahrnehmung und Kritikfähigkeit bedeutet. Das fördert einerseits das Zugehörigkeits – und Glücksgefühl des einzelnen, macht ihn andererseits anfällig  für Panik und  unkontrollierter Beeinflussung durch andere. Das Gedränge bei Wallfahrten ist nicht nur zufällig, sondern auch intendiert, um den Menschen „aus sich heraus“ zu bringen. Die Frage ist aber, wohin es den Menschen bringen soll.

Symbol „Wallfahrt“:
Wie alle Symbole hat auch die Wallfahrt eine Mehrdeutigkeit, die sich aus Form und Ziel ergibt. Während die einen die Gemeinschaft hervorheben, sehen die anderen die Bedrohung des Individuums durch die Aufhebung der Ichgrenzen. Wo die einen Hingabe sehen, erleben die anderen dies als Einübung in Unterwerfung. Auch die mit Wallfahrten verbundenen Hoffnungen auf Heilungen lenken ab von der Realität sowohl des einzelnen wie der Gemeinschaft. Das Ritual schafft eine Ordnung, die die Wirklichkeit oft genug verdrängt. Sie stellt eine Gemeinschaft auf Zeit dar, aber hilft nicht, wirkliche Gemeinschaft im Alltag zu gestalten.

Was wollen Sie mit Ihren Ritualen oder mit Ihrer Wallfahrt?
Rituale sind nicht grundsätzlich abzulehnen, als Menschen und Gemeinschaften brauchen wir sie.
Aber sie sollten von uns mitgestaltet werden, sollten eine persönliche Deutung zulassen, sollten Respekt vor dem einzelnen ausdrücken. Sie sollten uns Übergänge deutlich machen und helfen, mit neuen Lebenserfahrungen umzugehen.
Sie sollten auch einen spielerischen Charakter behalten, in ihnen sollte die Freude am Mitwirken erlebt werden, und ihre Symbolkraft auch als das erkannt werden, was sie ist, nämlich Bedeutungen, die wir Menschen ihnen beilegen und auch ändern können. Wenn ein Ritual uns aus uns heraus bringen soll, sollte uns vorher zumindest die Richtung bewusst sein, in die es uns hinbringen soll: zur Unterwerfung unter größere Mächte oder als Ausdruck des Teilhabens und Mitgestaltens?

Renate Bauer
Freireligiöse Landesgemeinde Pfalz

Zitate aus: Boesch, Ernst E.: Kultur und Handlung. Huber: Bern 1980

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