Garderobenfragen

Schnittmuster des "Heiligen Rocks"

Je mehr Heilige,
desto mehr Gelächter
(Jacques Lacan)

Ich erinnere mich an die „Blechtrommel“ von Günter Grass: an die berühmte Szene auf dem Acker, wo Großmutter Anna Bronsky in ihren vier weiten, kartoffelfarbenen Röcken sitzt, unter denen Oskars Großvater Josef Koljaiczek Zuflucht vor den Feldgendarmen sucht.

Ich erinnere mich an Zeiten, als Mütter noch Röcke trugen: als Kind bedeutete es für mich mitunter ein Stück Sicherheit, wenn ich mich am Rockzipfel meiner Mutter festhalten konnte.

In manchem Kleiderschrank staubt ein Brautkleid dahin, getragen vor etlichen Jahren, inzwischen total aus der Mode. Weg geben oder gar weg werfen geht nicht! Ein Kleidungsstück, aufgeladen mit Bedeutung: dem Glück der Liebe, der Aussicht auf eine gute Zukunft, dem Vorschein des Ewigen. Die halbe Welt richtete die Augen bei der Hochzeit von Kate und William auf das Brautkleid.

Ich sehe ein paar alte Babyschuhe, die an der Windschutzscheibe dem Besitzer Schutz vorschaukeln.

So mancher abgeliebte Teddy – leider durchaus ein Stück Textil – wird durch  das ganze Leben geschleppt und hält seine Bärentatze symbolisch schützend und behütend über das Leben eines inzwischen alten Kindes. Dieser Bär  ist lebendiger Zeuge einer Vergangenheit. Noch mehr: er hält die Kindheit gegenwärtig. Ihm wurde alles das gesagt, was niemand hören durfte. Er ist Geheimnisträger und Verbündeter. Er berührt Unsagbares: das Geheimnis der Kindheit und hält es gegenwärtig. Deshalb ist er mehr als ein Teddybär: er ist der Heilige Teddy, das Sakrament der Kindheit. Der symbolische Blick sieht mit den Augen der Seele. Er schaut mit den Augen der Liebe. Der Teddybär ist ein Zeichen. Er macht Abwesendes anwesend. Er überschreitet die Gegenwart und vergegenwärtigt die Vergangenheit.

Symbolkraft der Kleidung: Bestimmte Textilien markieren wichtige Lebensstationen, ihre Aufbewahrung verspricht Schutz, Heilung, Glück. Sie selber sind dem Besitzer und der Besitzerin heilig: vielleicht das rot-weiß-karierte Taschentuch des Großvaters oder der Knopf des Tanzstundenkleides.  Private Heiligtümer, aufgeladen mit individueller Bedeutung.

Heilige Stoffe

Daneben erstaunt den aufgeklärten Menschen die öffentliche Aufbewahrung textiler Reliquien wie die Windeln Jesu, seinem Lendentuch ( das er am Kreuz getragen haben soll), dem Enthauptungstuch von Johannes dem Täufer, das Kleid der Heiligen Elisabeth oder Marias Kleid aus Bethlehem.

Heilige Textilien. Der heilige Rock aus Trier ist so heilig, dass er nur einige Male pro Jahrhundert zur Schau gestellt werden darf. Im letzten Jahrhundert gab es drei sog. „Zeigungen“. Warum eigentlich? Was macht ihn bedeutsamer als beispielsweise die vielen Splitter oder Nägel vom Kreuz Jesu? Die Bedeutsamkeit ragt sogar in den Rock des Rockes hinein: auf dem Flohmarkt erstand ich einen Glasrahmen mit einem winzigen Stück Tuch, das bei der Heilig-Rock-Ausstellung im Jahr 1933 den Heiligen Schrein mit dem Heiligen Rock bedeckte.

Heilige Stoffe. Genau genommen handelt es sich eher um Lumpen, an denen der Zahn der Zeit heftig genagt hat. Schon Ulrich von Hutten sprach vom „alten, lausigen Wams“, andere sprechen vom „heiligen Lappen“.  Und Generationen von Kritikern erregten sich darüber, dass in Trier wohl kaum das echte Gewand Jesu’ ausgestellt sei, zumal es davon über ein Dutzend gäbe. Aber es geht wohl auch der Katholischen Kirche nicht unbedingt um die Echtheit, vielmehr steht es symbolisch für etwas anderes, beispielsweise für die Hinwendung zum Glauben und die Einheit der Kirchen.

Im Gegensatz zu den privaten heiligen Stoffen, werden diese textilen Reliquien öffentlich gezeigt und spielen mit dem Zustand von Abwesenheit  und Anwesenheit:  Sie besitzen eine Rahmung, in der Regel einen aufwendigen Schrein, der die Stoffe den Blicken geradezu entzieht und ihnen  durch die seltene Öffnung eine geradezu spektakuläre Bedeutung zuweist. Eine Bedeutung, die sich der Vernunft entzieht. Aber ist das nicht normal bei Fragen der Garderobe und der Mode?

Elke Gensler
Freireligiöse Gemeinde Mainz, K.d.ö.R.

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