Ein “Hl. Rock” in Trier?

Was weiß die Geschichte über das Auftauchen eines hl. Rockes in Trier? Kirchliche Schriftsteller berichten seit dem Anfang des fünften Jahrhunderts, daß die Kaiserin Helena eine Wallfahrt nach Jerusalem gemacht habe, um das Kreuz zu suchen.  Einige Quellen wollen wissen, daß sich Helena bei Christen und Juden nach dem Aufbewahrungsort erkundigt habe, oder sie habe diesen Ort durch Visionen (Schauungen, Gesichte) erfahren.  Manche Berichte stellen diese beiden Überlieferungen zusammen. Nach Ambrosius (4. Jhdt.) wurde das “richtige” Kreuz an der Inschrift erkannt, nach anderen durch eine von ihm bewirkte Krankenheilung, weitere Quellen wissen sogar von  einer Totenerweckung zu erzählen, der Kirchenschriftsteller Sozomenos stellt Totenerweckung und Krankenheilung zusammen.  An diesem Wandel und Wachsen der Überlieferung erkennt man am deutlichsten die „Psychologie der Legende“. Chrysostomos, Hieronymos und Cyrill (4. Jhdt.) erwähnen zwar die Kreuzauffindung, ohne jedoch der Kaiserin Helena zu gedenken. Auch Eusebius weiß in seiner Lebensgeschichte des Kaisers Konstantin nichts davon, daß Helena das Kreuz gefunden habe.

Insgesamt ergibt sich aus diesen Quellen folgendes Bild: Man zeigte zu Helenas Zeit (Todesjahr 328) in Palästina den Platz von Jesu Himmelfahrt, die Höhle der Geburt, vielleicht auch das Grab. Daß Helena  den ungenähten Rock Jesu gefunden habe, hat keine unserer Quellen überliefert. Ebenso ist sicher, daß sie weder in Trier geboren ist, noch dort gewohnt oder Kirchen gebaut hat. Das alles ist Bestandteil mittelalterlicher Legenden. Auch eine Schenkung des Rockes durch die Kaiserin an die Trierer Domkirche  ist unmöglich, wir wissen durch Athanasius (4. Jhdt.), daß es damals in Trier noch keine Kirchen gab.

Als einziges altes Zeugnis für den hl. Rock in Trier wird eine Urkunde des Papstes Sylvester genannt, die um das Jahr 330 entstanden sein soll. Die älteste Fassung dieser „Urkunde“ spricht davon, dass Trier den Primat über Gallien und Germanien ergreifen solle, den schon Petrus dieser Stadt verliehen habe. In einer nach 1054 verfassten Lebenbeschreibung des Agricius, der in manchen Erzählungen als Überbringer des Rockes nach Trier erwähnt ist, findet sich diese Urkunde mit der Erweiterung, daß die in Trier geborene Kaiserin Helena die Stadt mit dem aus Judäa herübergebrachten Leibe des Apostels Mathias, nebst dem Nagel des Herrn, beschenkt habe – aber kein Wort vom hl. Rock. Diese Lebensbeschreibung erzählt weiter, daß ein  Bischof von Trier Gerüchte über den Inhalt einer niemals geöffneten Kiste gehört habe. Der Rock, der Purpurmantel oder die Schuhe Jesu sollten sich darin befinden. Der Bischof ließ die Kiste öffnen, aber der erste, der hineinschaute, erblindete, und so suchte man nicht weiter nach. Aus dem Anfang des zwölften Jahrhunderts hat uns der Trierer Abt Berengosus ein Buch über die Kreuzauffindung hinterlassen, über einen hl. Rock weiß er indessen nichts. Zur selben Zeit schrieb der Abt Thiofried von Echternach ein Werk über die Verehrung der Reliquien. Er widmete sein Buch dem Trierer Erzbischof Bruno (1101-1124), erzählt von einen hl. Rock, aber nicht von dem Trierer Exemplar, sondern von einem Gewand, das in Safed aufgefunden und nach Jerusalem gebracht worden sei.

Aus diesen Zeugnissen ergibt sich ganz eindeutig, daß man damals in Trier von einem hl. Rock noch nichts gewußt hat. Die erste Erwähnung  des hl. Rockes in Trier finden wir in der “Gesta Trevirorum” genannten Chronik, die in Trier zwischen 1106 und 1124 entstanden ist. In der Gesta  findet sich auch die oben erwähnte Urkunde des Papstes Sylvester. Der unbekannte Verfasser dieser Chronik ist der eigentliche Schöpfer der Legende von einem hl. Rock in Trier.

1121 wurde der Nikolausaltar in Trier geweiht, in dem 1196 angeblich der Rock gefunden wurde. Wir wüßten nichts davon, wenn nicht 1196 ein Hauptaltar geweiht worden und in der Urkunde darüber auch der Rock erwähnt wäre. Selbst diese Urkunde wäre verloren, wenn nicht gegen 1300 der Trierer Bürgermeister sie für eine neue Bearbeitung der Gesta verwendet hätte. Noch weitere 200 Jahre schweigt Trier völlig über seinen kostbarsten Besitz, bis 1512 Kaiser Maximilian I. Interesse für den Rock zeigte.

Dr. Karl Becker, (1959)
Freireligiöse Landesgemeinde Württemberg

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