Der gemanagte Rock

Unter dieser Überschrift berichtet “Der Spiegel” Nr. 16/59 über die Ausstellung des Heiligen Rockes zu Trier, welche für die Stadt ein gesegnetes Fremdenverkehrs-Jahr bedeuten wird, da man täglich bis zu 50.000 Pilger gegen angemessenes Entgelt mit Obdach, Nahrung, Andenken und Erbauung versehen will. Bischof Matthias Wehr nannte den Rock “das größte Denkmal, das die Menschheit von Jesus besitzt”.

Die letzte Schaustellung 1933 führte 35 Bischöfe und 2,2 Mill. Pilger nach Trier. Diesmal erwartet man 3 bis 4 Mill. Schaulustige. “Der Spiegel” berichtet, daß Historiker und katholische Theologen keinen Hehl daraus machen, daß das Gewand überaus dubios ist. Angeblich wurde es von der römischen Kaiserin St. Helena, der Konkubine des Konstantius, gefunden, die aus Palästina noch weitere Textil-Heiligtümer wie das Hemd der Jungfrau Maria mitbrachte. Die hlg. Helena schenkte diese Funde ihrer Geburtsstadt Trier und fügte noch hinzu: Die Knochen des Apostels Matthias, einen Nagel des Herrn, einen Zahn des Hlg. Petrus,  die Sandalen des Hlg. Andreas und den Kopf des Papstes Cornelius.

Die erste öffentliche Rockschau fand jedoch erst 1512 in Anwesenheit  Kaiser Maximilians I. statt. Vorher hatte man immer Bedenken, daß, wer das Gewand Christi schaue, mit Blindheit geschlagen werde. Als der Kaiser zum Reichstag nach Trier kam, ließ er das verschollene Gewand suchen, was dann auch prompt gefunden wurde. Zeitgenosse Ullrich von Hutten urteilte schlicht “ein altes lausiges Wams”. Reformator Martin Luther sagte es noch deutlicher: “große Bescheißerey, ein Teufelsmarkt zu Trier, ein verführlich, lügenhaft und schändlich Narrenspiel”.

Die Bonner Professoren von Sybel und Gildemeister stellten in einer wissenschaftlichen Untersuchung 1844 fest, daß es 20 andere Heilige Röcke, z.T. mit päpstlicher Bestätigung gäbe, darunter in Rom, Jerusalem, Moskau, Santiago, Oviedo, Gent, London, Mainz, Köln, Frankfurt, Bremen, Loccum, und Argenteuil. Den Professoren wurden damals von empörten Katholiken die Fenster eingeworfen. Bischof Hommer von Trier erklärte seinerzeit: “Völlige Gewißheit über die Echtheit des Heiligen Rockes dürfen wir nicht fordern.“

Domkapitular von Wilmowsky sagte öffentlich vor 100 Jahren, die Reliquie sei nur ein byzantinisches Seidengewebe, das evtl. einen Lappen des Hlg. Rockes umhülle. Von einem wirklichen Gewand hat schon die bischöfliche Untersuchung von 1890 nicht mehr gesprochen..

Die Kirche hat auch bis heute Untersuchungen mit modernen Methoden verboten. Die Kirche exerziert in Trier  eine verwegene Gedankenakrobatik: Sie ruft Millionen Gläubige ausdrücklich zur religiösen Verehrung des Hlg. Rockes auf, erklärt aber gleichzeitig, daß dies kein Akt des Glaubens sei.

Die Manager der großen Show machen Reklame wie beim Kölner Karneval und Münchener Oktoberfest. Die ganze Stadt verwandelt sich in ein Gasthaus. Die Stadtverwaltung hat 45.000 DM für die Wallfahrts-Sonderwerbung und 400.000 DM für benötigte Bauvorhaben hierzu bereitgestellt. Allein für 200.000 DM werden Bedürfnisanstalten errichtet. Auch die Landesregierung von Rheinland-Pfalz hilft nach Kräften, und zwar nach gutem Vorbild von 1933, wo die SA mit Kapellen und Fahnen die Wallfahrt begleitete und Gauleiter Simon vor dem Hlg. Rock kniete. In seiner Nachfolge wird es diesmal der Herr Bundeskanzler tun.

Papst Johannes XXIII. hat den Pilgern vollkommenen Ablaß von allen Sünden gewährt. Der Bischof steuert den Devotionalien-Handel und vergibt Güteprädikate für Autoschlüssel, Bierseidel, Tabakspfeifen und Busentücher mit dem Bild des Hlg. Rockes. Die Pilger können auch Madonnen aus Porzellan kaufen, die dann mit dem Hlg. Rock berührt werden. Jeder Teilnehmer kauft ein Pilgerbüchklein für 1,- DM, das beim Eintritt in den Domhof abgestempelt wird. Hier wird sich für den Bischof eine sehr große Einnahme ergeben.

Gegen diesen Artikel im “Spiegel” hat der Innenminister von Rheinland-Pfalz Strafanzeige wegen Religionsbeschimpfung erstattet. Aber vielleicht geht es ihm so, wie dem Kardinal von München, der in einer ähnlichen Angelegenheit gegen den „Simplizissimus“ vom Gericht abgewiesen wurde.

Dr. Karl Becker, (1959)
Freireligiöse Landesgemeinde Württemberg

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