Die Heilig-Rockwallfahrten des 19. und 20. Jahrhunderts – Wem nützen sie?

Heilig-Rockwallfahrt 1891
Reichskanzler Bismarck schwebte die Trennung von Staat und Kirche vor. Er löste die katholische Abteilung im preußischen Kultusministerium auf. Im „Kanzelparagraphen“, einem Gesetz zur Abänderung des Strafgesetzbuches, wurde den Pfarrern verboten, bei Verlautbarungen in ihrem Beruf den „öffentlichen Frieden“ zu gefährden. Die Jesuiten durften in Deutschland keine Niederlassungen mehr errichten, die geistliche Schulaufsicht wurde durch eine staatliche ersetzt. Nach den Maigesetzen von 1873 sollte der Staat Ausbildung und Einstellung der Geistlichen kontrollierten, und gewählte Gemeindevertretungen das kirchliche Vermögen verwalten. 1875: Das „Brotkorbgesetz“ entzieht der Kirche die Staatszuschüsse. Das „Klostergesetz“ löst die Klostergenossen in Preußen auf, mit Ausnahme derjenigen, die sich mit Krankenpflege beschäftigen.  Neu war auch: Vor dem Gesetz ist nur noch die Eheschließung des Standesamtes gültig (Zivilehe), nicht mehr die kirchliche. Wer kirchlich heiraten wollte, durfte dies erst nach der standesamtlichen Trauung. Das hat sich bis heute erhalten.

Den Widerstand der katholischen Geistlichkeit verfolgte Bismarck mit aller Härte und Schärfe, erreichte aber seine Ziele nicht. Der Kulturkampf wurde schließlich eingestellt, die Kirche konnte einen Erfolg verbuchen. Die Wallfahrt von 1891 ist ein Nachhall dieser Ereignisse, aber auch ein Fanal in Richtung der erstarkenden Arbeiterbewegung nach dem Fall des Sozialistengesetzes 1890. Der „Arbeiterpapst“  Leo XIII. formulierte unmissverständlich in einer heute noch vielgepriesenen Enzyklika, dass die Lehre des Sozialismus der naturrechtlich-christlichen Eigentumslehre widerspreche, Verwirrung in den Aufgabenbereich des Staates bringe und die Ruhe des Gemeinwesens störe. Der Protest gegen die Ausstellung des Hl. Rockes und die Wallfahrt unter Bischof Felix Korum ging 1891 hauptsächlich von sozialistischen Arbeitern aus. Erstmals bediente sich die geistig antimoderne Kirche der modernsten Mittel: Ihre Vereine und Wallfahrtskollektive wurden mit der Eisenbahn nach Trier gefahren.

Heilig-Rockwallfahrt 1933
Das beidseitig abgeschlossene und vereinbarte Reichskonkordat zwischen dem Vatikan und Hitlerdeutschland kam einer diplomatischen Anerkennung des NS-Staates durch die Kirche gleich. Ausländischen Wallfahrern wurde im „Heiligen Jahr“ 1933 das neue Deutschlandbild vorgegaukelt: edel, hilfreich und gut, einträchtig, friedlich und fromm. Auch für die spätere mehrheitliche Saarabstimmung „Heim ins Reich“ 1935 hat vorher die Rock-Wallfahrt in den Reihen der Katholiken Spuren und Wirkung hinterlassen. Unbeteiligte Arbeitslose reisten mit Billig-Tickets in Sonderzügen nach Trier, wurden jedoch sofort am Bahnhof zwangskollektiviert und in Wallfahrerblöcke integriert, aus denen es kein Entrinnen gab! (Augenzeugen aus hessischen freireligiösen Gemeinden habe mir dies in den 1980er Jahre berichtetet.) Landsmannschaftliche und in Berufstrachten eingekleidete Menschenblöcke dagegen gaben der Armut nach außenhin ihren Glanz. Formationen der SA beteiligten sich am Ordnungsdienst der kirchlichen Wallfahrt, der grössten aller Zeiten mit über 2,2 Millionen Teilnehmern, darunter auch der gebürtige Saarländer, Nazi-Führer und „alte Kämpfer“ im Hunsrück, Gustav Simon, der vor dem Hlg. Rock als erster Gauleiter des neuen Gaues Koblenz-Trier kniete.
Die katholischen Zeitungen wie das „Mainzer Journal“ berichteten fortlaufend über die Wallfahrtsereignisse – von euphorischer Aufbruchstimmung der gesellschaftlichen Gruppen, von Gebeten und Zustimmung für Reichskanzler Adolf Hitler und davon, dass der treue Kolping-Geselle und der SA-Mann sich in Trier die Hände reichen…2011 lesen wir allerdings dazu auf der Homepage des Bistums Trier im Internet: „Überschattet wurde die Wallfahrt von der Sorge über die Machtergreifung der Nationalsozialisten.“ Belastende Akten sind bereits 1945 von Bischof Bornewasser und einem französischen Besatzungsoffizier gemeinsam verbrannt worden, wie letzterer vor vielen Jahren in einer Fernsehdokumentation des Südwestfunks über die Probleme der Besatzungsmacht in Trier bezeugt hat!

Heilig-Rockwallfahrt 1959
Kurz vor dem 2. Vatikanischen Konzil vom 19. Juli bis 20. September wurde die Ausstellung zu einer großen Heerschau und Demonstration des Katholizismus mit serviler Schützenhilfe aus dem konservativen Regierungslager sowie symbolischer Logistik durch Militäreinheiten der USA. Die Wallfahrt diente auch der religiösen Kompensation für die zahlreich vertretenen Heimatvertriebenen. Die folgenden Passagen sind dem „informationsdienst“ ID, September 1959, des Deutschen Volksbundes für Geistesfreiheit e.V. entnommen, der Vorläufer des heutigen Dachverbandes Freier Weltanschauungsgemeinschaften DFW.

Warum Wallfahrt nach Trier?
Hierzu schreibt Bischof Dr. Wehr von Trier im Hildesheimer Bistumsblatt Nr. 28/59: “Der Hlg. Vater lobt unser Vorhaben ganz und gar…Die Wallfahrt soll ein mächtiges Bekenntnis sein zu Christus dem Herrn…Es geht  wahrhaftig nicht ums Geld, Macht oder Ruhm, wie böswillig behauptet worden ist. Es geht auch nicht um den Glauben an die Echtheit der Reliquie, der weder gefordert ist, noch gefordert werden kann…Es geht um ein den Himmel beschwörendes Beten, daß wieder bald eine Herde und ein Hirte werde (Joh. 10,16)!“

Drei Millionen in 60 Tagen
Trier rechnet zur Ausstellung des Hlg. Rockes 1959 – der letzten in diesem Jahrhundert – mit einer Besucherzahl wie zur Brüsseler Weltausstellung. Die US-Army hat als ihren Beitrag vier neue Brücken über die Mosel gebastelt. 865 Pilger-Sonderzüge müssen von den 23 Organisations-Ausschüssen der Wallfahrtsleitung bewältigt werden. Obwohl die Verehrung des Hlg. Rockes für den Glauben angeblich belanglos sein soll, hat Papst Johannes XXIII. „jedem Pilger, der das Kleinod verehrt, vollkommenen Ablaß versprochen, sofern der Wallfahrer das Pilgerabzeichen und das Pilgerbüchlein für 1 DM kauft!“ Nach gemeinsamem Gottesdienst erhält jeder Teilnehmer eine rote Prozessionskarte, die im  Domhof, wo der Rock besichtigt wird, einen Stempel erhält. Mitgebrachte Andachtsgegenstände werden bereitstehenden Priestern übergeben, welche sie mit der gläsernen Hülle der Reliquie berühren und damit „weihen“! Um den Preissteigerungen zu begegnen, hat die Stadt die Preisüberwachung verfünffacht. Um der erwarteten Kitschlawine vorzubeugen, hat das Bistum einen Sonderausschuß für „Güteprädikate“ eingesetzt, der an über 200 Andenkenfirmen einen „Gütestempel“ verleiht. Note 3 ist gerade noch tragbar, 4 und 5, wie in der Schule, bedeutet ungenügend. Bischof Dr. Wehr hat dabei gebeten, die Güteprädikate „nicht gar zu kleinlich“ zu vergeben, denn ein goldenens Amulett des hlg. Rockes können sich die meisten Pilger nicht leisten.  (vgl. „Neue Rhein-Zeitung vom 27.6.59)

Rock und Sandalen Christi
Zur Eröffnung der Ausstellung des Rockes Jesu in Trier waren unter anderem erschienen: der ehemalige französische Ministerpräsident Robert Schuman, der luxemburgische Ministerpräsident Werner, Bundesfamilienminister Dr. Würmeling, der saarländische Ministerpräsident Röder, der rheinlandpfälzische Ministerpräsident Altmeier, p.p. Der Verband der kathol. Lehrerschaft hat eine 32seitige Schrift „Pilgerfahrt zum Hlg. Rock“ herausgegeben, welche vom Schulamt der Bezirksregierung zu Trier als Pflichtlektüre für die Oberstufe erklärt worden ist.  (vgl. „Spiegel“ Nr. 24/59)

Der Kölner Kardinal Frings hatte Anstoß an dem auch von uns im ID Nr.119 herangezogenen „Spiegel“-Artikel über die Trierer Ereignisse genommen und beim Bundesjustizministerium sowie persönlich beim Ministerpräsidenten Dr. hc. Altmeier in  Mainz Vorstellungen erhoben. Letzterer schrieb darauf an den Kölner Generalvikar Prälat Teusch folgenden Brief: “Hochwürdigster Herr Generalvikar! Ich darf Ihnen hiermit Kenntnis geben, daß das Kabinett, wenn auch nicht einstimmig, meinem Antrag betr. Strafantrag gegen den „Spiegel“ gefolgt ist…Ich habe von meinem Schritt auch den hochwürdigsten Herrn Bischof Trier verständigt. In der Hoffnung, daß ich als katholischer Christ meine Pflicht erfüllt habe…“

Heilig-Rockwallfahrt 1996
Nach kath. Darstellung ein „großes Fest des Glaubens“. Vom 19. April bis zum 16. Mai waren offiziell rund 700.000 Gläubige „mit Jesus Christus auf dem Weg.“ Historischer Anlass war der 800. Jahrestag der „Einmauerung des Hl. Rocks“ in den Hochaltar des Trierer Domes im Jahre 1196. Dort blieb er wohl bis zum Jahre 1512. Im aktuellen Hintergrund von 1996 aber schwang zumindest die Hoffnung auf eine geistliche Wende mit – seit der politischen Wende von 1989 und die dadurch neu gewonnene Möglichkeit einer offensiven Mission nach dem Untergang des atheistischen Osteuropa und der sozialistischen Staaten, an dem das Papsttum in der Amtszeit von Johannes Paul II. – wie das Beispiel Polen belegt – aktiv und finanziell beteiligt war.

In seiner Enzyklika Redemptoris Missio (Die Sendung des Erlösers) von 1990 erscheint der „Heilige Geist“ als Vorkämpfer für die Mission:  “Die Sendung im Geist ‚bis an die Grenzen der Erde‘ (Apg 1,8) zeigt die führende Rolle an, die der Geist bei der Sendung des Erlösers hat. Er erweist die Kirche insgesamt als Missionskirche und ist zu jeder Zeit und an jedem Ort gegenwärtig und am Werk. Daher kann man auch sagen, dass die Missionstätigkeit eigentlich erst am Anfang stehe.“

Auffällig war an dieser Heilig-Rock-Wallfahrt 1996 die neue Terminierung: Der 19. April ist das Fest des Hl. Leo IX., der – im Mittelalter Reformpapst von Cluny – als ein erfolgreicher Krisenmanager hervortrat, um die Kirche in einer Zeit des Niedergangs zu erneuern und zu stärken. In der Mitte der Wallfahrt am 2. Mai wurde im Heiligenkalender des Athanasius gedacht, dem Gegenspieler des Ketzers Arius und Schöpfers des Glaubensbekenntnisses. Das Ende der Wallfahrt – den 16. Mai – belegte der Hl. Johannes von Nepomuk, ein Märtyrer des 14. Jahrhunderts zu Prag. Er behauptete die Rechte der Kirche, vor allem das Beichtgeheimnis, gegen die königliche Gewalt.

Über 700.000 Menschen kamen zur Wallfahrt nach Trier? Wieviele werden es 2012 sein?

Zusammenstellung: Martin Buchner
Freie Religionsgemeinschaft (Freireligiöse Gemeinde)
Mainzer Straße 171, 55743 Idar-Oberstein
www.frg-io.de

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